Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, man wäre im wilden Westen: Pferde, Rinder, eine trockene Landschaft und eine Farm.

Gross Okandjou befindet sich nahe dem kleinen Städtchen Omaruru, etwa zweieinhalb Stunden von Windhoek entfernt. Unzählige ausgetrocknete Flussbetten und eine trockene Buschlandschaft prägen das Landschaftsbild. Im Dickicht sieht man Warzenschweine und kleine Antilopen vorbeihuschen, in der Ferne hört man das Gekreische der Paviane. Neben zahlreichen Rindern leben auch etwa 60 Pferde auf Gross Okandjou. Ich hatte das große Glück, ein ganzes halbes Jahr auf Gross Okandjou verbringen und arbeiten zu dürfen, doch auch wenn es nur für ein paar Tage Urlaub ist, lohnt sich der Weg zur Westernranch allemal.

Nachdem man von der Sandpiste abgebogen und das Eingangstor der 9000 Hektar großen Farm durchfahren hat, erreicht man nach weiteren 2 km das Farmhaus mit dem hübsch angelegten Kaktusgarten und charmanten Gästezimmern. Von Pferden ist weit und breit erstmal nichts zu sehen. Denn das ist der Vorteil der Weiten Namibias und 9000 Hektar Farmgelände: es gibt genug Fläche, um eine artgerechte Pferdehaltung zu gewährleisten. Die „namibischen Mustangs“ leben im Herdenverband auf dem riesigen eingezäunten Areal, Boxenhaltung ist hier ein Fremdwort. Um die Herde im Busch zu finden, muss man Meister im Spurenlesen sein. Zurück auf der Farm wird dann ordentlich geputzt, gesattelt und aufgetrenst – mit Westernsattel und -Zäumung versteht sich, echte Cowboys eben. Gut, dass es auch genügend Rinder gibt, die von A nach B getrieben werden wollen. Ein Heidenspaß, aber auch ernstzunehmende Farmarbeit, die man sich bei einem Besuch nicht entgehen lassen sollte. Der Fokus bei einem Aufenthalt auf Gross Okandjou liegt jedoch nicht auf der Rinderarbeit, sondern auf ausgedehnten und entspannten Ausritten durch die Natur, bei der man die Landschaft vom Pferderücken aus genießen kann. Die Pferde sind ausgeglichen, trittsicher und zuverlässig, was nicht zuletzt an der artgerechten Haltung und Ausbildung liegt. Auf Gross Okandjou wird nämlich nach dem Gedanken des „Natural Horsemanship“ gearbeitet, der den Aufbau einer harmonischen Partnerschaft zwischen Mensch und Tier zum Ziel hat.

Namibia bietet ein Ausreitgelände, von dem man in Deutschland nur träumen kann. Die vielen ausgetrockneten Flussbetten laden zu langen Galoppaden ein und es kreuzt weit und breit keine lärmende, stark befahrene Straße, die es zu überqueren gilt. Es gibt diverse schöne Fleckchen, perfekt für eine Rast mit Picknick oder einen Sundowner mit Snacks und Drinks. Das i-Tüpfelchen Gross Okandjous ist aber der Erongo Trail für all diejenigen, die eine ganz besondere Herausforderung suchen. Sechs Tage Mitten in der Wildnis: nur man selbst, die Pferde und die Natur. Geritten wird zum Erongo Gebirge durch traumhafte Landschaften. Geschlafen wird in Zelten, gekocht über dem Feuer – ein richtiges Abenteuer.

Einst lebten hier vor tausenden von Jahren Buschmänner im Einklang mit der Natur, bis sie von Bantustämmen vertrieben wurden. Unzählige Felsmalereien zeugen von ihrer Existenz, sie zeigen vorwiegend Tiere und Jagdszenen. Während einem auf dem Farmgelände hauptsächlich Warzenschweine und Antilopen begegnen, trifft man im Erongo auch auf Zebras, Geparden und Giraffen, mit Glück sogar auf Nashörner und Elefanten. Die Wildtierbeobachtung vom Sattel aus hat übrigens viele Vorteile: man kommt viel näher an die Tiere ran, da Sie einen selber als Tier wahrnehmen und nicht so schnell die Flucht ergreifen, als wenn man in einem lärmenden Allradfahrzeug den Weg entlangkommt. Außerdem kann man sich zu Pferd auch abseits der befestigten Wege bewegen, ohne die Natur zu zerstören und es ist ohne Frage die nachhaltigste und umweltschonendste Art und Weise, eine Safari zu unternehmen.

Gross Okandjou hat aber auch für Nicht-Reiter seinen Reiz, denn auch wenn man lieber zu Fuß als zu Pferd unterwegs ist, wird es einem hier bestimmt nicht langweilig. Auf einer Farm gibt es immer was zu tun und es ist jede Hilfe willkommen: Zäune reparieren, bei der Rinderarbeit helfen oder sich im Garten nützlich machen. Einfach nur entspannen, die Füße hochlegen oder auf eigene Faust das Farmgelände erkunden und Wildtiere beobachten ist aber auch erlaubt. Am Abend kann man dann in gemütlicher Runde grillen, am Lagerfeuer sitzen und bei einem Gin Tonic oder namibischen Bier den Sonnenuntergang genießen. Neben Pferden und Rindern lebt auf Gross Okandjou außerdem Familie Vogel, gebürtige Deutsche, die die Farm leiten und sich liebevoll um das Wohlergehen ihrer Gäste kümmern.
Gastfreundschaft wird hier großgeschrieben und so wird auch gemeinsam auf der Veranda zu Mittag und zu Abend gegessen. Und auch Hunde dürfen auf einer Farm selbstverständlich nicht fehlen: Emma, Milli, Sando, Berta und Poachy vertreten mit Stolz ihr Geschlecht und sorgen immer wieder für Tumult. Wie wäre es also mit ein wenig Farmluft-Schnuppern? Gross Okandjou ist hierfür ideal und es allemal wert – ob Reiter oder nicht.
Namibia beeindruckt mit faszinierenden Landschaften und menschenleeren Weiten. Diese wunderschönen Szenerien aber im Sattel vom Pferderücken aus zu genießen, ist ein absoluter Traum, denn wie heißt es so schön? „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.“