Jenseits vom Ende der Welt

In Namibia darf man sich ja häufig mal wie der einzige Mensch auf der Welt fühlen, der Luxus der Weite ist überall spürbar in diesem extrem dünn besiedelten Land. Auf meiner dritten Reise in diese herrliche Ecke der Welt (2013) durfte ich diese mir bereits bekannte Erfahrung nochmal in einer ungeahnten, noch intensiveren Dimension erleben, denn dieser Trip führte mich im Rahmen einer Informationsreise in den äußersten Nordwesten Namibias, in das Kaokoveld – welches auch die Heimat des Volkes der Himba ist.

Unterwegs waren wir 7 Afrika-Reiseveranstalter und unser wunderbarer Guide in einem VW Bus T4, nicht gerade das perfekt gewählte Vehikel für dieses Land, aber unser Guide chauffierte uns darin ziemlich souverän über die Schotterpisten Namibias. Nur 2 x auf der ganzen Reise zischte dann doch die Luft aus einem Reifen, aber unser Guide bewies zumindest ein gutes Händchen für den Ort, an dem er zum zweiten Mal über den etwas zu scharfkantigen Stein fuhr, denn es passierte genau in Sesfontein, so konnten wir den (letzten …) Ersatzreifen zumindest noch in einer Umgebung mit Anflügen von Zivilisation aufziehen.

Für die folgenden 120 km weiter nach Purros – kaum verdient diese Ansammlung von ca. 50 weitverstreuten Hütten den Namen „Ortschaft“ – benötigten wir fast 4 Stunden. Unser Guide verlangte sich und dem T4 alles ab und quälte das Auto im ersten und zweiten Gang durch tiefen Sand, durch ausgetrocknete Flussbetten und über mit Steinen übersäte Pisten. Während der Fahrt begegnete uns an Vertretern unserer eigenen Spezies lediglich einmal eine Farmarbeiter-Familie, unterwegs auf einem Eselskarren, und diese nicht selbstverständliche Begegnung nutzten wir natürlich für einen kurzen Plausch, und wir tauschten Teile unserer Lunch Pakete gegen nützliche Informationen zum Zustand und Verlauf der weiteren Route. Diese ganze Fahrt über durch diese entlegene, aber traumhaft schöne Landschaft fragte ich mich, warum es überhaupt dort noch einen Ort gäbe, und vor allem, warum auch noch eine Lodge, denn unser Ziel war die Okahirongo Elephant Lodge.

Als wir diese Lodge, am Fuße eines Hügels gelegen, dann endlich erreichten, ergab sich die Antwort von selbst: Fast surreal wirkt die mit gekonnt modernem Design überzeugende Lodge, die in dem großen weiten Nichts der unberührten Wüstenlandschaft wie eine Raumstation anmutet. Zuvorkommender Service, ein Infinity Pool, Lounges, schicke Doppelchalets, mit Innen – aber auch mit meiner geliebten Außendusche - und sogar auch mit Außenbett (!), denn ja, man kann in der Okahirongo Elephant Lodge auch besten Gewissens die Nacht einfach vor, statt in seinem Chalet verbringen – unerwünschter Besuch ist ausgeschlossen.

Zusammen mit den Guides der Okahirongo Elephant Lodge besuchten wir ein Dorf und traten auch in Kontakt mit den Himba, wir spürten Wüstenelefanten und andere Wildtiere auf, ich stapfte auch noch bei über 40 Grad den kargen Hügel an unserer Lodge hoch, nur um dahinter den nächsten zu sehen, wir kühlten uns im Pool ab und genossen richtig gutes Essen und den obligatorischen Sundowner dazu – Luxus am Ende der Welt. Zwei Tage durften wir nun hier verbringen, während unser armer Tour Guide die zweitägige Fahrt alleine gen Swakopmund antrat (und dort auch ohne weitere Pannen ankam), wir Reiseveranstalter überbrückten den Rückweg später elegant im Kleinflugzeug.

Das Beeindruckendste an allem für mich hier war jedoch schlicht die fesselnde Anmut dieser einzigartigen, einsamen Landschaft selbst: Wie eine grüne Linie schlängeln sich dicht stehende Bäume in einem ausgetrockneten Flussbett durch die Ebene, die auch in der Trockenheit mit ihren tiefen Wurzeln noch das Grundwasser erreichen (übrigens tuen das auch die zähen Wüstenelefanten, die ebenfalls tief in dem sandigen Boden erfolgreich nach Grundwasser graben). Die weiten Ebenen sind durchzogen von felsigen, kahlen Hügeln, aber auch von beeindruckenden Bergen in der Distanz. Ein heftiger Wind fegt durch die Täler und schiebt in einzelnen Wellen Sand- und Staubschleier durch die Ebene und an den Bergflanken hoch, begleitet von einem latenten und lauten, ständig zu- und dann wieder abnehmenden Rauschen, eine zauberhafte Endzeitstimmung in vollendeter Form.

Selbst der redseligste Vertreter von uns allen in dem Grüppchen meiner Berufszunft öffnete seinen Mund hier zum Glück nur noch zum andächtigen Staunen. Sind wir wirklich noch auf dem Planeten Erde …? Wo auch immer das Ende der Welt nun letztlich liegen mag – hier fühlt man sich sogar noch jenseits davon.

 

Christoph Faust

Okahirongo Elephant Lodge Veranda
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Flug Kaokoveld