Für die meisten Safari Touristen gibt es nichts lästigeres, als einen “Birder”, Vogelkundler oder Ornithologen (wie auch immer sie sich nennen) auf Safari im gleichen Fahrzeug zu haben.

Ich will nicht so weit gehen zu sagen, dass ich den Ausspruch selbst machen würde ;-), aber ich kann ihn zumindest nachvollziehen.

Wenn jemand seit Jahren den Traum hegt Afrika zu besuchen, dann ist diese Sehnsucht zumeist genährt von dem Wunsch, die vielfältige Tierwelt des Kontinents zu entdecken. Die Erwartungen und Vorstellungen beinhalten meist Pirschfahrten, auf denen man den weltgrößten Landsäugetieren in freier Wildbahn begegnet. Favoriten sind die großen Säugetiere, die viele nur aus Filmen oder Büchern kennen, wie Elefanten, Löwen und Leoparden, Giraffen, Zebras oder das Nashorn. Man freut sich über Nilpferde die faul in Flüssen schlummern oder die eleganten Antilopen die grazil durch die Savannen streifen. Man stellt sich vielleicht große Büffelherden vor, deren aufgewirbelter Staub die späte Nachmittagssonne verdunkelt oder Hyänen, die sich um die letzten Brocken eines alten Löwenrisses streiten. Afrikas Tierwelt ist unsagbar faszinierend und in solcher Üppigkeit und Vielfalt vorhanden, dass man auch während mehreren Tagen auf Safari, keine Langweile verspürt.

Und so verstehe ich, dass ein solcher Traum durchaus zu einem “Albtraum” werden kann, wenn man plötzlich einen “Birder” im Fahrzeug hat der darauf besteht, dass der Guide bei jedem kleinen braunen Vogel hält, der sich für die meisten Menschen in keiner Weise von einem gewöhnlichen weiblichen Sperling in Deutschland unterscheidet. Durch den Kopf aller anderen Insassen des Fahrzeugs schwirren die zahlreichen Tiere, die sie gerade bei Beobachtung des “bloßen Vogels” verpassen. 

Allerdings muss ich mich zumindest insoweit korrigieren, als dass es nicht der kleine braune Vogel sein wird, für den ein Birder in einem “normalen Fahrzeug, mit normalen Insassen” Halt gebieten würde. Birder, welche die “kleinen, braunen” unterscheiden können, sind in der Regel so fortgeschritten, dass sie unter keinen Umständen in einem Fahrzeug mit “gewöhnlichen” Safari Touristen anzutreffen sind. Solche mieten grundsätzlich ihre eigenen Fahrzeuge, mit spezialisierten “Bird Guides”. Aber sagen wir ein eifriger “Birder”, der sich für die vielen, sehr farbenprächtigen Vögel, von denen Afrika eine unsagbare Vielfalt besitzt, begeistert. Auch ein solcher kann durchaus ein Dorn im Fleisch der anderen Safarigäste sein.

Für einen Schreiseeadler, die erste Gabelracke, einen Vogelstrauß, Hornraben oder Gelbschnabeltoko lassen sich auch “normale Touristen” bei erster Sichtung durchaus begeistern. Werden Vögel aber Hauptattraktion einer solchen Safari, schlägt die Stimmung schnell um. 

Trotzdem möchte ich heute versuchen mal ein wenig Begeisterung für die unglaubliche Vogelwelt Afrikas zu wecken.

Ich “oute" mich dadurch natürlich als genau solch ein “bird nerd” wie oben beschrieben, wobei ich meine Leidenschaft für Vögel bevorzugt alleine im Fahrzeug (am liebsten am Steuer, damit ich jeden Halt selbst bestimmen kann) oder unter meinesgleichen, den anderen “birdies” ausübe.

Natürlich waren Vögel nicht schon immer mein Hauptinteresse. Wie die meisten Afrikaliebhaber habe ich viele Jahre überwiegend der Beobachtung der größeren Tierarten gewidmet. Dazu hatte ich auch sehr, sehr viel Gelegenheit. Aber wie mit so vielen Dingen, verfeinert sich das Gespür, je länger man einer Sache nachgeht und das Interesse an den kleinen Dingen wächst. Die Vogelwelt ist so umfangreich, dass man einerseits fasziniert, anderseits aber auch etwas überwältigt ist. Von jeder Art gibt es so viele Untergruppen, dass man meint nie den Unterschied zu erkennen und deswegen auch gar nicht erst damit beginnt. 

Aber das ist die falsche Herangehensweise. Man kann durchaus damit anfangen sich erst einmal für die auffälligen Vögel zu interessieren. Die farbenprächtigen oder besonders Großen. Die vielen Greifvögel wie Adler und Geier, aber auch die fantastisch, blauen “Kingfisher” ( Eisvogelfamilie ) von denen es in Südafrika alleine 10 Unterarten gibt (in Deutschland gibt es nur eine). Auch die häufig auf Safari gesehene, in verschiedenen Blau- und Lilatönen gefärbte Gabelracke (lilac breasted roller - oder auch “ABR - another bloody roller”) gibt es noch in 4 weiteren, knallig bunten Variationen. 

Turacos (früher bekannt als Louries) sind immer eine fantastische Sichtung. Die meisten kennen zumindest den “ Grey Go-away bird”, die Buschsirene, die dem Raubtier seinen Anschleichversuch verdirbt, indem sie einen Warnruf abgibt, der jedes Beutetier unmittelbar in Fluchtmodus versetzt.

Wenn man erst einmal die ersten 50 Vogelarten kennt, die sich alle extrem voneinander unterscheiden und auch zumeist in unterschiedlichen Lebensräumen anzutreffen sind, dann merkt man, dass mit jedem Aufenthalt im Busch 10 - 20 neue Vogelarten dazu kommen. Und so baut man nach und nach langsam sein Vogelwissen auf. Man fängt an, die Unterschiede zwischen den einzelnen Unterarten zu erkennen und wenn man erst einmal bei 150 Vogelarten ist, packt einen langsam eine Art Sucht. Man wird regelrecht süchtig danach endlich mal wieder einen neuen noch nicht gesehenen Vogel zu entdecken und da gibt es ja noch zumindest 700 weitere, alleine in Südafrika (insgesamt ca. 860 Arten). Die Vielfalt nur dieses Landes ist knapp 4 x so groß wie in Deutschland. Und bislang rede ich nur vom visuellen Aspekt, und Südafrika. Da sind Botswana, Sambia und Tansania (seufz) … 

Obwohl ich den Anblick eines Mobiltelefons im Busch unerträglich finde - für mich passen diese beiden Dinge einfach nicht zusammen-, habe ich zugegebener Maßen meines immer bei mir. Aber nicht wegen möglicher Anrufen oder dem Internet, sondern wegen meines fantastischen Vogel-Apps. Das “Roberts - Birds of Southern Africa”- App ist eine App die man nicht mehr missen will, wenn man sie einmal hatte. Sie bietet nicht nur die umfangreichen Informationen, die ein gutes Bestimmungsbuch gewöhnlich hat, sondern auch zahlreiche Bilder des jeweiligen Vogels und noch besser, die Vogelstimmen zu jedem Vogel. Und das öffnet eine ganz neue Welt, nämlich die der Geräusche. Und diese sind wahrlich vielfältig. Wenn man anfängt Vögel anhand ihrer Gesänge, Warn-, Territoriums - oder Paarungsrufe zu erkennen, dann fängt man an den Busch auf einer viel tieferen Ebene zu verstehen. 

Kennen Sie die Situation, wenn Ihr Safariguide vermeintlich einfach so Tiere entdeckt (natürlich lange vor Ihnen) und Sie sich fragen wie er das nur sehen konnte. Natürlich sieht ein geübtes Auge mehr. Häufig wissen die Guides aber bereits vor der Sichtung, dass irgendwas zu erwarten ist weil es ihnen bestimmte Vögel durch Laute oder Verhalten mitteilen. Das Verhalten von Vögeln im Busch ist ein zuverlässiger Indikator was gerade so in der unmittelbaren Region abgeht. Und dafür muss es nicht ein Go-Away Bird sein, der bekanntlich Tiere vor Raubtieren warnt. Es gibt zahlreiche Vögel an deren Verhalten man klare Zeichen über den Busch ablesen kann.

Vögel anhand ihrer Stimmen zu identifizieren ist unsagbar befriedigend. Wenn man ihn dann auch noch erblickt und bestätigt bekommt das man richtig lag, dann ist das (fast) wie ein 6er im Lotto. Naja, zumindest ähnlich….

Sie sehen, es begeistert mich sehr. Ich führe Listen über alle Vögel in allen Parks und Regionen in denen ich mich in Afrika aufhalte. Jetzt verstehen Sie auch den Beinamen “bird-nerd”. Ich führe wirklich über nichts im Leben Listen (sollte ich sicher, dann würde ich nicht immer so viel vergessen!) Aber über Vögel habe ich viele Listen. Und wenn ich andere Birder sehe, dann gleichen wir ab was wir so wo gesehen haben und können lange darüber diskutieren ob es jetzt diese oder diese Unterart war.

Der Punkt ist, das Feld ist so groß und vielfältig, dass man noch sehr, sehr viel selbst entdecken kann und kaum jemanden trifft der alle Vögel kennt und weiß. (Ich kenne nur 2 Bird Guides die tatsächlich meiner Meinung nach alle Vögel kennen und einem nicht irgendwas erzählen, weil sie wissen, dass man selbst es eh nicht besser weiß.) Vögel sind ein Gebiet, das meistens nur von erfahrenen Guides abgedeckt wird. Deswegen der Geheimtipp: Sie können ziemlich sicher die Qualität eines Guides daran bemessen wie gut er seine Vögel kennt!

Zu diesem Thema könnte ich wohl noch sehr viel schreiben, wie zu allem was mir am Herzen liegt, aber ich glaube ich habe meinen Punkt rüber gebracht :-).

Missachten Sie nicht unsere gefiederten Freunde. Sie sind meist auch dann gegenwärtig, wenn an manchen Safaritagen einfach sonst nichts zu sehen ist. Ich verspreche Ihnen, mir ist NIE langweilig auf Safari. Gerade weil mein Hauptinteresse heutzutage den Vögeln gilt und nicht mehr dem zig-hundertsten Löwen, dem dreizigtausendsten Elefanten und dem 30 Leoparden.

Eine lustige Anekdote aus dem herrlichen Safari Buch “Whatever you do, don’t run” von Peter Allison ist folgende kleine Geschichte aus dem Okavango Delta, in der er über eine Safari mit schwer zufrieden zu stellenden „Bird Nerds“ berichtet:

„So far you have seen a lot of Burchell’s starling, right? And a few long-tailed starlings?” They nodded. “And we got lucky and saw a male plum-coloured starling in breeding plumage and a greater blue- eared, but as far as I remember you haven’t seen a single wattled starling, is that right? There was quick consultation of lists, but while I can’t remember what I have eaten for breakfast most mornings, I never forget what I have seen with people, so knew I was correct. “Indeed” said Jamie. (…) I carried on. “ Straight ahead, in the thick patch of forest, is a tree with yellow bark. It’s called a sycamore fig, which probably won’t interest you. But if you follow up it’s main trunk, you will see that it has a branch to the left, then one to the right, then another on the left, which forks up and down. On the lower fork there is a leopard, and if you look over his back you will see the starling.”

Ich musste wirklich lachen als ich das gelesen habe. Wie sehr sich die Perspektiven verschieben können! Aber Ich freue mich natürlich immer noch am Anblick eines Leoparden (solange nicht ein seltener Vogel direkt daneben sitzt ;-)!!!)

Heike van Staden, Sep 2018